Das von der Hibernia AG (Herne) erbaute „Gut Borkenberge“ mit Jagdhaus (Heuershof) und Gutshof

Der Bauinitiator

In dieser Zeit, als die Landwirtschaft immer wieder als „Rückgrat der Wehrhaftigkeit des Landes“ propagiert wurde, gingen große Firmen, auch staatliche Unternehmen, die nicht unbedingt über einen landwirtschaftlichen Hintergrund zu verfügen brauchten, und Parteifunktionäre in Spitzenpositionen dazu über Mustergüter zu errichten bzw. die Effizienz vorhandener Höfe zu erhöhen. Als Beispiele können angeführt werden: Bauunternehmer Richter (Berlin 1938) - „Jägerhof“ in Schmiedeberg (Uckermark), nördlich von Angermünde; Viktor Lutze - Saltenhof in Bevergern, Hörstel bei Rheine ; Julius Streicher - Pleikers Hof in Cadolzburg bei Fürth , Heinrich Neuerburg, Ausbau des Rittergutes Zissendorf. Die von einem Verwalter geführten Gutsanlagen hatten oft ein Jagd-, Herren- oder Gästehaus und verfügten fast immer über Jagdmöglichkeit.

Im Falle Hullerns engagierte sich für den Bau des „Gutes Borkenberge“, eines Musterhofes mit zugehörigem Jagdhaus, Bergassessor und Generaldirektor Wilhelm Tengelmann (Hibernia AG, Herne), von Heinrich Himmler persönlich am 30.01.1935 zum SS-Obersturmbannführer à la suite (Ehrenführer) befördert.

Wilhelm Tengelmann (SOSSAUER CHRONIK)

Wilhelm Tengelmann
Quelle: SOSSAUER CHRONIK (Bildtafel)

Wilhelm Tengelmann (Bergbau-Archiv Bochum)

Wilhelm Tengelmann (Foto: Bergbau-Archiv Bochum, 32 / 4486)

Wie die Bildtafel zeigt, hatte Tengelmann ursprünglich die Bezeichnung „Rottenhof“ eingeplant.

Rottenhof

In seinem Auftrag schlossen am 8. Juli 1937 in Recklinghausen die beiden Prokuristen der Bergwerksgesellschaft, Karl Tillessen und Dr. Erich von Moock, mit dem Bauern Anton Döveling (gt. Heuer), Hullern, Nr. 6 einen Kaufvertrag, bei dem der Erbhof „Heuershof“ mit allen Parzellen und allen Gerechtigkeiten in Größe von knapp 44 ha, d.h. Grund und Boden mit aufstehenden Gebäuden, „jedoch ohne das tote und lebende Inventar und ohne aufstehende Frucht“, mit sofortiger Wirkung an die Hibernia AG überging. Gleichzeitig verpachtete die Käuferin dem Bauern den Hof nach Maßgabe eines besonderen Pachtvertrages bis zum 1. Oktober 1942. Von dieser Pacht war jedoch „nach Auswahl der Käuferin“ ein Teil der Grundstücke in Größe von 20 Morgen ausgenommen. Da Bauer Döveling versicherte, einen anderen Hof zu kaufen und seine Kinder damals erst 6, 4 und 3 Jahre alt waren, sah das Anerbengericht Haltern keinen Verstoß gegen das Reichserbhofgesetz vorliegen und billigte den Verkauf.

Übernahme von Grund und Boden

Ohne von dem Pachtangebot bis 1942 Gebrauch zu machen, verblieb Bauer Anton Döveling nach dem Verkauf in Einvernehmen mit der Hibernia AG nur noch 11 Monate auf dem Heuershof, um das gesamte Inventar zu veräußern. Anschließend zog er am 8. Juli 1938 mit seiner Familie nach Coesfeld-Stockum auf den Hof einer Verwandten, um danach einen Hof in Dülmen-Holtrup zu pachten. Erst als das komplexe alte Hofgebäude in Hullern leer stand, begann der aufwendige Um- und Ausbau zu einem für damalige Verhältnisse luxuriösen Jagdhaus. Gleichzeitig lief ca. 300 m östlich auf dem „Neuen Kamp“ der Bau des „Gutshofes Borkenberge“ auf Hochtouren; noch im gleichen Jahr, 1938, war das Wohnhaus bezugsfertig.

Hermann Göring zu Besuch bei Hibernia AG

Hermann Göring zu Besuch bei der Hibernia AG.
Hinter ihm steht Generaldirektor Wilhelm Tengelmann.
(Quelle: Gritzbach, Erich: Hermann Göring. Werk und
Mensch. München 1938, S. 177)

 


Quellen

  1. Mitteilung des Brandenburgischen Landesamtes für Denkmalpflege vom 27.09.2006.
  2. Viktor Lutze: geb. 28.12.1890, ab 01.07.1934 Stabschef der SA (Nachfolger von Ernst Röhm), gest. am 02.05.1943 nach Autounfall bei Hannover. Vgl. Weiß, Hermann: Personenlexikon 1933-1945, Wien 2003, S. 310.
  3. Julius Streicher: geb. 12.02.1885, u.a. Gauleiter in Ober- und Unterfranken, Herausgeber der antisemitischen Wochenzeitung „Der Stürmer“, hingerichtet am 16.10.1946 in Nürnberg. Vgl. WEISS, Hermann, S. 450 / 451.
  4. Heinrich Neuerburg: geb. 11.01.1883 in Trier, gest. am 01.02.1956 in Garmisch-Partenkirchen.
  5. SOSSAUER CHRONIK, Bildtafel zu Text S. 68. [Manuskript: Ferdinand Gr0ß, München, Febr. 1940].
  6. Die Familie Döveling in Willich hat dem Verfasser eine Kopie des Grundstückskaufvertrages von 1937 zur Verfügung gestellt. Der Heuershof („Heuer im Holtz“/Heier) ist seit 1630 in Hullern nachweisbar.
  7. Nach Auskunft des für Haltern zuständigen Amtsgerichts Marl vom 31.07.2006 liegen keine Erbhofakten des ehemaligen Anerbengerichts Haltern vor. Auch im Staatsarchiv Münster werden laut Bestandsübersicht und Findbücher keine diesbezüglichen Bestände aufbewahrt.
  8. Mündliche Mitteilung der Familie Döveling; nach dem Kriege, um 1954 / 1955, kaufte sie einen Hof in Willich.