Das von der Hibernia AG (Herne) erbaute „Gut Borkenberge“ mit Jagdhaus (Heuershof) und Gutshof

Der Gutshof „Borkenberge“

Beschreibung der in Westfalen-Lippe einzigartigen Anlage

Guthof Borkenberge 1939

Gutshof „Borkenberge“ im Jahre 1939 (Foto: Archiv H. Bruder)

Hofeinfahrt 1939

Hofeinfahrt 1939 (Foto: Archiv H. Bruder)

Hofeinfahrt 2007

Hofeinfahrt im Jahre 2007 (Foto: Archiv H. Bruder)

Die Gutsanlage liegt heute nördlich des von 1973 bis 1985 gebauten Hullerner Stausees, hat einen U-förmigen Grundriss, der sich nach Süden hin, zum See, öffnet und ist von der nördlich verlaufenden Straße (An der Stever) über eine ca. 90 m lange Allee erschlossen. Am Anfang dieser erst nach 1945 angelegten Allee steht eine hölzerne Tordurchfahrt mit einfachen quadratischen Holzstützen unter einer kleinen Überdachung, die, in der Mitte breiter und höher aufgehend, eine Durchfahrtshöhe von 4,25 m aufweist und ursprünglich rechts und links davon kleinere und schmalere Öffnungen für Fußgänger und Fahrradfahrer hatte.

Der Weg führt gerade auf die Durchfahrt des Gebäudekomplexes zu. Die Gutsanlage umfasst drei Flügel: der westliche Flügel besteht aus dem Wohnhaus im Süden und einem Stallteil im Norden. Der östliche hat die gleiche Kubatur wie der westliche Flügel. Er besteht im Süden aus einem Stallteil, so groß wie der gegenüberliegende Wohnteil im Westflügel und im Norden aus einem Scheunenteil, der dem Stallteil im Westflügel entspricht. Beide Gebäudeflügel werden im Norden durch einen Querriegel verbunden.

Torhaus 2007

Dieser hat in der Mitte die erhöhte Tordurchfahrt mit geschnitzten Torpfosten zur Straße hin, darüber ein Torhaus, westlich davon drei Garagen, östlich davon eine offene Remise. Die Verbindung zum westlichen Bauteil wird durch eine Mauer mit einer Tür hergestellt; zwischen Remise und Scheune im östlichen Flügel befindet sich heute eine nachträglich eingebaute Toilettenanlage. In der Verlängerung der Mittelachse beider Tordurchfahrten der Allee steht ein sechsseitiger natursteinerner Brunnen.

Alle Gebäude haben ebenfalls einen natursteinernen Sockel und pfannengedeckte Satteldächer, das Mauerwerk im Erdgeschoss ist verputzt, der Kniestock sowie der untere Teil des Giebeldreiecks ist aus schematischem Fachwerk mit kleinen Gefachen gemacht. Die Giebeldreiecke sind senkrecht verbrettert. Der südliche Giebel des Wohnhauses ist als einziger dreifach vorkragend mit profiliertem und ornamentiertem Schwellenbalken. Hier befindet sich auch die Bau-Datierung 1938; im Wohnteil haben die hochrechteckigen Fenster Klappläden. Der Haupteingang des Wohnhauses liegt an der dem Innenhof entgegengesetzten Westseite zum damaligen Garten hin; der Keller (damals mit Koks-Heizungsanlage ) ist auch vom Innenhof betretbar.

Laut Planungsunterlagen umfasst der Wohnbereich im Erdgeschoss ein teilbares Wohnzimmer (nach Umbau), ein Esszimmer, eine Küche mit Abstellraum, ein Bad, eine Waschküche (heute als Diele genutzt) und ein sog. Jagdzimmer. Von der Waschküche/Diele und dem Jagdzimmer aus ist ein Zwischenflur zum Stallgebäude zugänglich. Beidseitig dieses Flures befinden sich zwei Wirtschaftsräume, laut Bauplan die Milchküche und der Kälber-Stall. Im Obergeschoss liegen 6 Räume und ein Badezimmer sowie der Treppenaufgang zum Bodenraum.

Der eigentliche Stallraum war laut Planungsunterlagen dreigeteilt in Futtertenne (Kühe / Rinder), Laufstall / Düngerstätte (mit Stalldurchfahrt) und Pferdeboxen. Darüber befanden sich bis zum Umbau 1992 / 1993 der Heuschober und eine Knechtekammer, für die 1949 zusätzlich ein Kamin angelegt worden ist. Der hintere Stallraum wies zudem eine Toilette und eine Treppe zur Kammer und zum Heuboden auf. Der östliche Gebäudeflügel umfasste damals die Schweineställe, darüber ein Podest und den Dachboden. Im nördlichen Bereich schließt sich die dachhohe Scheune an.

Der Platz zwischen den Gebäudeflügeln ist mit kleinen Basaltsteinen gepflastert. Unterirdische Jauchegruben lagen im Innenhofbereich unmittelbar vor den beiden Ställen. Sämtliche Wirtschaftsteile haben einfache, hölzerne Tore, Türen und Fenster im Querformat. Die laut Bauplan im First als Windbretter vorgesehenen Pferdeköpfe zieren die Außenseiten des Giebeldreiecks.

Gutshof Borkenberge - Grundriss bis Oktober 1977

Grundriss des Gutshofes Borkenberge;
ursprüngliche Nutzung bis Oktober 1977

Gutshof Borkenberge 1977

Gutshof Borkenberge um 1977,
Weitwinkelaufnahme
(Foto: WAZ Haltern, Kleine-Büning)

„Mustergut des Reichsnährstandes“

Mit dem am 13. September 1933 verabschiedeten Reichsnährstandsgesetz wurden alle mit dem Agrarsektor in Verbindung stehenden Einrichtungen und Personengruppen zu einer einheitlichen Organisation zusammengefasst. Der Mitte der 1930er Jahre ca. 17 Millionen Mitglieder zählende Reichsnährstand unter der Leitung des Reichsbauernführers Walt(h)er Darré reglementierte mit seinen drei Hauptabteilungen „Der Mensch“ (I), „Der Hof“ (II) und „Der Markt“ (III) das gesamte bäuerliche Leben. Die Abteilung I war eine komplette Neuschöpfung der Nationalsozialisten, sie sollte u.a. „den bäuerlichen Menschen“ im Sinne der „Blut- und Boden“-Ideologie, in der das Bauerntum als „Lebensquell der nordischen Rasse“ galt, „menschlich, sozial und kulturell“ betreuen.

Als regionale Untergliederungen des Reichsnährstandes gab es in den einzelnen deutschen Ländern Landesbauernschaften, die wiederum streng hierarchisch in Kreis- und Ortsbauernschaften unterteilt waren. Die Landesbauernschaft Westfalen z.B. gliederte sich in 35 Kreis- und 1377 Ortsbauernschaften. Stadt und Amt Haltern gehörten zur „Kreisbauernschaft für das Vest Recklinghausen“ (Börster Weg 20, Breukerhaus). Ortsbauernführer in Hullern war Heinrich Streyl, Haus-Nr. 8. Der von einem Verwalter im Auftrage der Bergwerksgesellschaft Hibernia AG geführte neue „Gutshof Borkenberge“ war von vornherein als NS-Repräsentationsbau, „Mustergut des Reichsnährstandes“ deklariert. Seine Funktion wurde einerseits durch gut sichtbare Hakenkreuze in den Windbrettern auf den Firsten, andererseits - in Anlehnung an den Reichsnährstand - durch je ein in die beiden Winkelbalken am Eingang der Torhaus-Durchfahrt geschnitztes, halbseitig mit Ähren umkränztes Hakenkreuz gekennzeichnet.

Winkelbalken - Toreinfahrt

Hinterfragt man den generellen Stellenwert von Muster- und Versuchsgütern des Reichsnährstandes in der NS-Agrarpolitik, dann sind der ideelle, substanzielle Wert solcher Objekte und die von ihnen ausgehende ideologische Indoktrination auf Orts- und Kreisebene unverkennbar. Im Vordergrund stand die angestrebte Steigerung der landwirtschaftlichen Produktivität bei einer intensiveren Bodennutzung, wobei der erhöhte Düngemittelverbrauch pro Hektar (Stickstoff, Phosphat, Kali und Kalk) eine Rolle spielte.

Die Güter sollten andererseits aber auch den hohen Stellenwert des Bauerntums in den 30er Jahren mit ihrem meistens neusten Stand der landwirtschaftlichen Entwicklung und Technik suggerieren. Dazu trugen oftmals der größere Bestand an Vieh und ein geräumiger Wohnteil mit modernem Badezimmer bei. Die Weiterentwicklung der Arbeits- und Produktionsverhältnisse (äußere und innere Aufteilung der Funktionsabläufe) waren ein eindeutiger Beleg für die verbesserte Lebensweise auf dem Hof. Leider existieren beim Kreis Recklinghausen die sog. Hofkarten des Reichsnährstandes (1939-1945) nicht mehr, die etwa 150 Informationen eines jeden landwirtschaftlichen Betriebes umfassten. Mit der Einführung dieser Karten war damals der „gläserne Bauernhof“ in Griffweite gerückt.

Das Hullerner Mustergut hatte nicht nur die Aufgabe, den abgebrochenen alten Erbhof Heuershof „dem Papier nach“ zu ersetzen, sondern sollte bei der allgemein minderen Bodenbonität (25-30 Punkte) im Umkreis aufgrund einer hohen Produktivitätsrate Vorbild- und Vorzeigecharakter haben. Nach Auswertung zweier von der Landwirtschaftlichen Beratungsstelle Bochum 1941 bzw. 1944 angefertigter Karten weist die landwirtschaftliche Nutzfläche ca. 49 ha auf, wobei fast 17 ha Wiesen für die Heugewinnung in den nahen Borkenbergen lagen. Getreide- und Kartoffelanbau standen im Vordergrund, die restliche Nutzfläche bestand überwiegend aus Wiesen und Weiden. In den Stallungen des Westflügels konnten laut Bauplan wenigstens 5 Kälber, 18 Kühe oder Rinder und 8 Pferde getrennt untergebracht und versorgt werden. Der im Ostflügel liegende Schweinestall bot rund 150 Tieren Platz.

Fakt ist, dass der Hof als erster weit und breit über einen Trecker verfügte. In den Kriegsjahren konnte der Verwalter neben seinem Personal auf ein großes Arbeitskräftepotential an Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern, in erster Linie Franzosen und Polen und zuletzt auch Russen, die z.T. im Dorf Hullern untergebracht waren, zurückgreifen. Bei der Errichtung der Hofanlage kam der neuste Stand der Bauplanung zum Tragen: Entsprechend den Hygienevorschriften, die bereits schon früher aufgestellt wurden, grenzten die Schweineställe nicht unmittelbar an das Wohngebäude an, sondern sind im gegenüberliegenden Flügel untergebracht. Ebenso erfordert die Scheune weniger Aufmerksamkeit und liegt ebenfalls im Ostflügel. Kennzeichen einer weitsichtigen Planung ist die Berücksichtigung von Garagen und die hinreichenden Unterstellmöglichkeiten für landwirtschaftliche Geräte in der Remise.

Während des Krieges wurde der Musterhof vom Reichsnährstand zusätzlich als „Versuchshof für Kalkdüngung“ eingestuft. Der von den Chemischen Werken der Hibernia AG im Übermaß angelieferte Kalk wurde auch außerhalb des Hofes an Wegrändern abgekippt, wo er unter den umliegenden Bauern und Köttern heimliche Abnehmer fand.

Versucht man im Nachhinein ansatzweise den wirtschaftlichen Beitrag des Musterhofes zur „Erzeugungsschlacht“ im Vergleich mit der Kapazität des alten Heuershofes zu bilanzieren, dann ist die erhöhte Fleisch- und Milchproduktion (Anzahl der Schweine: 150/20, Kühe: ca. 15/6, Rinder: ca. 10/3) auffällig.

Der vorher zerstreut liegende Besitz von etwa 80 Morgen war zusammengelegt und durch Ankauf auf 220 Morgen erhöht worden; somit wurde der ganze Betrieb zu einer Intensivwirtschaft ausgerichtet. Die ungewöhnlich hohe Ertragssteigerung entsprach daher voll den bäuerlich-wirtschaftlichen Bestrebungen des Reichsnährstandes.

Bau- und kulturideologische Aspekte

In Hinblick auf die Erhaltung und vorläufige Unterschutzstellung des Gutshofes Borkenberge verwies das Westfälische Amt für Denkmalpflege in Münster am 14. Mai 1993 in seinem Schreiben an die Stadt Haltern auf baugeschichtliche und volkskundliche Gründe. Einerseits mache der symmetrisch angelegte Gebäudekomplex, der über die lange Zufahrtsallee zu erreichen ist, wie die meisten nationalsozialistischen Repräsentationsbauten einen monumentalen Eindruck. Das Natursteinmauerwerk bringt mit dem Fachwerk, dem Basaltpflaster des Innenhofes sowie mit den handwerklich hochwertigen Schnitzereien „Stärke und Deutschtum“ architektonisch zum Ausdruck

Sicherlich sind die Schnitzereidetails beidseitig in den Eichenpfosten am Eingang der Torhaus-Durchfahrt auf die nordische Mythologie bezogen: ein Rebstock mit Rabe und Rosette als Symbol der Fülle und des Lebens sowie der Weisheit und u.a. der Fruchtbarkeit. Die insgesamt sechs Eulen an beiden Seiten über der Durchfahrt sollten als Nachtvögel das Anwesen beschützen. Ergänzend kann man die ohnehin „wehrhafte“ Bauform der Anlage (zur Straße hin) anführen.

Andererseits wurden für die Entwicklung der architekturalen Formensprache des Nationalsozialismus die Grundsätze des bereits vorhandenen Heimatschutzgedankens weiterentwickelt. 1904 entstand der Deutsche Bund Heimatschutz (ab 1937 umbenannt in Deutscher Heimatbund). Die Heimatschützer propagierten eine Rückbesinnung auf das Stammhafte, die landschaftliche Eigenart, die regionalistisch geprägt war, so der Westfälische Heimatbund (1914) für eine Rückkehr zu dem niederdeutschen Hallenhaus, wobei das Wohnhaus nicht mehr im Mittelpunkt einer Hofanlage stand.

Das Ziel der Heimatschutzbewegung, nämlich eine arteigene national- und heimatbewusste Volksgemeinschaft, ist in Teilbereichen mit den Vorstellungen der Nationalsozialisten konform. Abweichungen findet man jedoch in wichtigen Bereichen. Die Heimatschützer wandten sich gegen Technik und Kapitalismus und setzten sich für frühere, landschaftlich gebundene Bauweisen ein. Dagegen propagierte der Nationalsozialismus die Anpassung an die moderne Technik und die modernen Produktionsweisen. Die Umsetzung beider Aspekte findet man bei diesem Gutshof wieder.

Das Westfälische Amt für Denkmalpflege kam 1993 beim Vergleich mit der damaligen Bauernhofarchitektur in anderen deutschen Gebieten abschließend zu der Bewertung, dass es sich beim Gutshof Borkenberge um einen zentral festgelegten Typ handelt, der im Detail (z.B. Dachneigung, mehr oder weniger Fachwerk, mehr oder weniger Natursteinmaterial) regional angepasst wurde.

Das Pendant zum uckermärkischen Jagdhausstil (Heuershof)

Die Erkenntnisse aus dem letzten Kapitel und der Hinweis des Westfälischen Amtes für Denkmalpflege, dass der Gutshof Borkenberge nach ihrem jetzigen Kenntnisstand in Westfalen-Lippe einzigartig ist, werfen die Frage auf, welche Vorstellungen die Hibernia AG seinerzeit bewogen, diesen Hof in solcher Gestalt bauen zu lassen und welcher Hoftyp in Deutschland als Vorbild gedient haben könnte. Die Erklärung des ehemaligen Verwalters Hennewig in einem Zeitungsartikel, dass der Gutshof „einem niedersächsischen Hof nachempfunden wurde“, steht eigentlich im Widerspruch zur Baustruktur, weil kein großes Einfahrtstor an der vorderen Giebelseite des Wohnstallhauses vorhanden ist und die Räumlichkeiten anstelle einer Längsrichtung eine deutlich hervortretende Querrichtung zur Traufseite hin aufweisen. Neben den Bauplänen von 1938 , die von einem Baumeister namens Feldmann unterzeichnet sind, liegen zum Hofbau keinerlei Archivalien vor.

Rufen wir uns in Erinnerung, dass der eigentliche Bauinitiator der Gutsanlage, Generaldirektor Tengelmann, 1936/1937 von Görings Jagdhaus am Kleinen Döllnsee fasziniert war und das Hullerner Jagdhaus daher in gleicher (alt-)uckermärkischer Bauweise errichtet worden ist. Man kann davon ausgehen, dass Tengelmann schon in seiner Berliner Zeit als Görings Beauftragter für Wirtschaftsfragen „Land und Leute„ in Brandenburg und Sachsen schätzen gelernt hat. Es liegt der Gedanke nahe, dass zu dem Jagdhaus eine passende Hofform gesucht und als Pendant der besonders im mitteldeutschen Raum - und damit auch in Brandenburg, in der Region Uckermark - weit verbreitete Dreiseithof bevorzugt worden ist.

Die meisten der Dreiseithöfe, unter ihnen häufig Gutshöfe, sind vor der Wende des 19. zum 20. Jahrhundert gebaut worden. Die Anordnung der Wohn- und Wirtschaftsgebäude variiert entsprechend den topographischen Gegebenheiten, der Lage der Hofstellen zu Straßen und Gewässern, der Wirtschaftsform und der Entstehungsgeschichte des Hofes, lehnt sich oft an den Aufbau von Vierseithöfen an, folgt aber immer dem Prinzip der kurzen Wege. Oftmals waren die Höfe aus kleineren bäuerlichen Anwesen hervorgegangen, wobei übermannshohe Mauern und Hoftore den baulichen Abschluss zur Straße hin bildeten, um die Innenhoffläche fremden Blicken zu entziehen.

Was z.B. Wohnstallhaus (mit seitlicher Stalldurchfahrt), (Durchfahrt-)Scheune, Stallgebäude, Satteldächer, massives Mauerwerk aus Natursteinen im Erdgeschoss, Fachwerkkonstruktion des Obergeschosses, eingeschossige Kutsch- und Geräteschuppen im Winkel des Hofes, integriertes Torhaus, Klappläden, Giebelseite des Wohnhauses in Richtung Süden gerichtet oder die Variante der Stellung der Gebäude zueinander betrifft - die gesamte Baugestaltung des Dreitseithofes und des Gutshofes Borkenberge ist zweifelsfrei weitgehend identisch. Mit Recht kann der mitteldeutsche Dreiseithof in dieser Variante als das Pendant zum Jagdhaus/Heuershof bezeichnet werden.

Auf der Grundlage des Gesetzes vom 14. Juli 1933 über die Neubildung deutschen Bauerntums ist besonders in den Jahren 1938-1942 eine Vielzahl an Studien zum landschaftsgebundenen Bauen und zu Neubaugehöften veröffentlicht worden. Bei einem 1941 vom Reichs- und Preußischen Ministerium für Ernährung und Landwirtschaft durchgeführten Wettbewerb mit dem Zweck, vornehmlich bei Neubauten die arbeitswirtschaftlichen Baubelange zu klären und zu bewerten, wurden 254 Entwürfe, darunter viele aus Nieder- und Mitteldeutschland, eingereicht. Das Wettbewerbsergebnis ließ u.a. erkennen, dass bei Neubauten „möglichst große Hauptgebäude, die wesentliche Teile der Hof- und Hauswirtschaft zusammenfassen, allgemein anzustreben sind“, um so einen „Ausgleich zwischen der neuzeitlichen Betriebsführung und den Werten heimatlicher Baugesinnung zu schaffen“ - Auflagen, die beim Bau des Gutshofes Borkenberge schon 1938 voll umgesetzt worden sind. Es wundert daher nicht, dass infolge des Wettbewerbs noch während des Krieges auch einige Dreiseithof-Neubauten (in den heutigen Bundesländern Brandenburg, Sachsen und Sachsen-Anhalt) entstanden sind, die der Hullerner Variante stark ähneln.

 


Quellen

  1. Der vom Gut benötigte Koks wurde kostenlos von den Kokereien der Hibernia AG angeliefert.
  2. Vgl. Albers, Helene, S. 30.
  3. Erster Verwalter: Kirchner (aus Thüringen, krank entlassen); Nachfolger: Max Schilling, Walraff, Leo Hennewig (ab 1945).
  4. Im Auftrage der Hibernia AG wurden alle Hakenkreuze um 1947/1948 vom Hullerner Schreinermeister Paul Kuhlmann entfernt.
  5. Siehe: www.lohengrin-verlag.de/jacobeit.htm (S. 2 / 3): Um 1939 wurde von der SS die „Deutsche Versuchsanstalt für Ernährung und Verpflegung GmbH“ (DVA) gegründet, der eine große Anzahl von Versuchsgütern unterstand. Die wichtigsten Aufgabenbereiche der DVA waren die Erprobung und Anwendung der biologisch-dynamischen Wirtschaftsweise der Anthroposophie, die u.a. die Anwendung von Kunstdünger kategorisch ablehnte und stattdessen die natürliche Düngung mit hofeigenem Stallmist unter Beigabe von heilmedizinischen Kräutern oder Kompost forcierte.
  6. Telefonische Auskunft der Landwirtschaftskammer, Kreisstelle und des Landwirtschaftlichen Kreisverbandes Recklinghausen am 21.03.2006.
  7. Beide farbigen Karten und die Baupläne von 1938 im Besitz der Familie J. Hennewig.
  8. Das Bundesarchiv in Berlin-Lichterfelde verwaltet in den Beständen R 16 (Reichsnährstand) und R 3601 (Reichsministerium für Ernährung und Landwirtschaft) keine Akten über das „Gut Borkenberge“. Auch im Staatsarchiv Münster liegt kein Aktenmaterial vor.
  9. Zusätzliche Nutzung der freien Pferdeboxen; Angaben der Familie Döveling (Willich) für das Jahr 1936.
  10. SOSSAUER CHRONIK, S. 68. [Manuskript: Ferdinand Gr0ß, München, Febr. 1940].
  11. Vgl. Becker, Udo: Lexikon der Symbole, Verlag Herder, Freiburg 1992, u.a. S. 75, S. 236, S. 330. Der alte Volksglaube Westfalens schrieb den Eulen „die Kraft zu, den bösen Geistern den Eintritt in die Ställe wehren und sie dadurch den Haustieren fernhalten zu können“; in: Prümer, Karl: Das Bauernhaus auf dem Hellwege, Diesterweg-Verlag, Frankfurt am Main 1924, S. 38.
  12. Halterner Zeitung vom 02.02.1978.
  13. Fachhochschule Eberswalde (Hrsg.): Regionaltypisches Bauen in der Region Barnim-Uckermark, 1. Auflage 2004, S. 8; Rauscher, N.: Dorfentwicklung in Brandenburg, Potsdam 2002, S. 20 [Ministerium für Landwirtschaft, Umweltschutz und Raumordnung als Herausgeber]; http://www.alogix.de/Lebensraum%20Dorf/2/2.4.%20Hofformen%2...[Hofformen in der Mark Brandenburg, S. 1-4]; www.landkreis-doebeln.com [Broschüre Dreiseithof].
  14. Siehe z.B. Kulke, Erich: Das Bauernhaus als Grundlage für das landschaftsgebundene Bauen, in: Bauen, Siedeln, Wohnen Heft 19 , Berlin 1939, S. 281-S. 284.
  15. Kulke, Erich: Der neue Bauernhof, in: Die Deutsche Heimat Berlin, Heft 5, 1942, S. 119, S. 122.
  16. Dem Verfasser liegt eine Liste vergleichbarer Dreiseithöfe aus der NS-Zeit vor, die auf Anfrage im September 2006 von den Landesämtern für Denkmalpflege in Zossen (Wünsdorf), Dresden und Halle erstellt wurde.