Das von der Hibernia AG (Herne) erbaute „Gut Borkenberge“ mit Jagdhaus (Heuershof) und Gutshof

Das Jagdhaus (Heuershof)

Das 1939 fertig gestellte Gebäude, mitten in einer einsamen Waldlandschaft gelegen, von mächtigen Bäumen umgeben, im Norden von den nahen Borkenbergen, nach Süden hin von dem Flusslauf der Stever abgegrenzt - einen besseren Standort in der Region hätte Wilhelm Tengelmann für seinen - im nationalsozialistischen Jargon - „deutsch-germanischen Herrensitz“ wohl kaum finden können. Hierhin konnte er sich von Herne aus, wenn es die Dienstgeschäfte erlaubten, ins Private zurückziehen bzw. Exponenten der Industrie, Wirtschaft und des Handels als Gäste empfangen. Unbefugten war das Betreten des Areals strikt untersagt. In unmittelbarer Nachbarschaft stand - wie oben in der Lagebeschreibung schon erwähnt - das Forsthaus Borkenberge, dessen Leiter, Revierförster Jünnemann, für mögliche Jagdaktivitäten zur Verfügung stand. Für Kutschfahrten konnte Tengelmann jederzeit auf ein Gespann mit Kutscher zurückgreifen. Auf den ersten Blick überrascht (beim Studium der Fotos) das Jagdhaus mit seinem Reet-Dach als repräsentativer Komplex, der interessanterweise die gleiche Grundstruktur wie das vorherige Bauernhaus mit den Stallungen aufweist (siehe die folgenden Abbildungen). Bei dem von zwei Seitenflügeln flankiertem Mittelbau mit seinen rechtwinklig ausgerichteten Elementen fällt die schlichte Symmetrie ganz im Sinne der nationalsozialistischen Bauideologie auf, eine Stilrichtung mit einheitlichem Habitus und wohlgeordneter, aber schlichter Formensprache.

Alter Heuershof 1936

Der alte Heuershof im Jahre 1936

Alter Heuershof 1936

Der alte Heuershof im Jahre 1936
(Foto: Archiv H. Bruder)

Alter Heuershof 1936

Der alte Heuershof im Jahre 1936
(Foto: Bergbau-Archiv Bochum, 32 / 4678)

Jagdhaus im Bau - Fachwerk

(Foto: Archiv H. Bruder)

Jagdhaus im Bau - Fachwerk

(Foto: Archiv H. Bruder)

Jagdhaus im Bau - Fachwerk

Jagdhaus - fertiggestellt 1939

Diese strahlt nach außen hin disziplinierte Maßhaltung, klare Formgebung mit eigentlich wenig schmuckvoller Fassade aus. Was das Reet-Dach anbelangt, so steht es aber im krassen Widerspruch zu der landesweit propagierten „bodenständigen, heimatgerechten“ NS-Bauweise. Es wundert daher nicht, dass 1997 in einem Vortrag über „Hullern im Wandel der Zeit“ das „Jagdschlösschen“ als bauliche Imitation des ehemaligen „Göring-Jagdhauses Carinhall“; in der Schorfheide bei Berlin deklariert wurde. Der Vergleich aber hinkt, weil Carinhall nach der ersten Erweiterungsphase 1936 / 37 als „Waldhof“ mit seinen beiden langen Seitenflügeln, mit Hauptportal, Großer Halle etc. keineswegs mehr den Charakter eines Jagdhauses aufwies und zudem massiv gebaut war.

Bleibt noch die Frage zu klären, was Tengelmann zu diesem im westfälischen Raum ungewöhnlichen Baustil inspiriert hat und welche räumliche Innengestaltung und -einrichtung das Jagdhaus vorwies. Fast sieben Jahrzehnte nach Baubeginn auf den ersten Teil der Frage eine Antwort gefunden zu haben, ist erfreulich und im Ergebnis überraschend zugleich. Die Lösung resultiert aus der engen Freundschaft Tengelmanns mit Göring und Einladungen nach Carinhall, besonders um 1936 / 1937. Seit der ersten Erweiterung von Carinhall standen für Görings Besucher und deren Begleitung, sofern sie nicht im Gästeflügel des Waldhofes selbst untergebracht wurden, auf einem 42 Hektar großen Gelände am Südufer des Kleinen Döllnsees, ca. 4,5 km von Carinhall entfernt, zusätzlich ein Jagd- und ein Gästehaus zur Verfügung. Einige veröffentlichte Fotos von diesem Jagdhaus am Kleinen Döllnsee, das übrigens nur einen Seitenflügel hatte, zeigen in mehreren architektonischen Details eine auffallende Übereinstimmung mit dem Hullerner Jagdhaus, die darauf schließen lässt, dass hier derselbe Architekt seine Hände im Spiel hatte: Gesamter Baustil, Reet-Bedachung, Feldsteinsockel, Anordnung des Fachwerks, schräge Stützbalken und nach unten verlängerte Baluster der Balkonbrüstung. Selbst die Eingangstür aus Eiche mit schmiedeeisernem Beschlag, die Fenster sowie die Türbeleuchtung stimmten überein.

Jagdhaus - Westseite 1939

Westseite des Jagdhauses / des Heuershofes
mit Haupteingang im Jahre 1939
(Foto: Bergbau-Archiv Bochum, 32 / 4678)

Jagdhaus - Haupteingang

Haupteingang (Foto: Archiv H. Bruder)

Bearbeitung im Entwurf und Durchführung waren dem damaligen Oberbaurat Hermann Tuch von der Staatlichen Hochbauverwaltung in Berlin übertragen worden, der neben dem Jagdhaus mit seinem Kollegen Friedrich Hetzelt an weiteren Forstbauten in der etwa 55.000 Hektar umfassenden Schorfheide beteiligt war. Hier ein Auszug aus Tuchs Kommentar zu den Neubauten in der Schorfheide:

„... konnte besondere Rücksicht auf die Erreichung größtmöglicher Naturverbundenheit der Forstbauten genommen werden. Unter Berücksichtigung dieses Gesichtspunktes erfolgte auch die Wahl der Baustoffe. Sie stammen aus der Landschaft, die jene Bauten umgibt. So gaben die Endmoränen an den Grenzen der Schorfheide die Findlinge für den Sockel, die großen Kieferwäldern das Holz für das Gefüge der Wände, der Decken und des Daches. Für die Schilfdeckung mußten die Seen sorgen. Bei der äußeren Gestaltung der Gebäude wurde angeknüpft an die alte uckermärkische Bauweise, deren Hauptmerkmale beibehalten wurden. Neben den bewährten handwerklichen Holzverbindungen sind hierfür typisch weite Stützenstellungen bei besonders starken Holzbemessungen ... An heimische Beispiele knüpfte auch die Farbgebung des Äußeren an. Schwarzbraune Hölzer stehen neben weißen Gefachen mit teilweise grau oder braun abgesetzten Fasen ...“

Demnach wird mit großer Wahrscheinlichkeit einer der beiden Architekten Hetzelt und Tuch nach Fertigstellung des „Waldhofes“ Carinhall im Juli 1937 die Planung des Hullerner Jagdhauses und die folgende Bauaufsicht übernommen haben. Ein weiteres Indiz gegen eine mögliche Bezeichnung des Jagdhauses als „Klein-Carinhall“ ist seine völlig andere Raumaufteilung und -nutzung im Vergleich zu Görings Waldhof. Die Haupteingangstür lag in der Mitte des westlichen Seitenflügels. Links des Eingangsflures mit Garderobe, einer Treppe zum Obergeschoss und einer Kellertür schlossen sich das kleine Kaminzimmer, ein kleines Büro und zuletzt die Bibliothek an, die aus massiver Eiche gefertigt war. Rechts des Eingangs betrat man den ca. 9 m x 10 m großen Wohn-, Aufenthaltsraum, dessen Blickfang ein wuchtiger Kamin, Kronleuchter und noble Möbel waren. Eine Schiebetür führte in den Mitteltrakt zu Flur, Esszimmer und Küche mit Kellerzugang und Personalausgang zum Innenhof. Dahinter lag der andere Seitenflügel mit langem Flur, fünf Gästezimmern, Bädern und WC. Als bauliche Kuriosität existierte hier ein geheimer Treppenaufgang zum Obergeschoss, den man durch einen Kleiderschrank bestieg. Das Obergeschoss wies weitere Gästezimmer, Bäder und Tengelmanns Privaträume auf. Besonders herauszustellen ist die für damalige Verhältnisse luxuriöse Ausstattung der oberen Bäder mit 2 Wannen, Doppelsitzbadewanne, Bidets und Dusche.

Bad - Massageraum 1939

Ein zusätzlicher Massageraum rundete die Kneipp-Einrichtung ab. Beide Seitenflügel konnte man durch eine Tür zum Garten hin verlassen.

Kaminzimmer 1939

Das große Kaminzimmer im Jahre 1939
(Foto: Bergbau - Archiv Bochum, 32 / 4678)

Kaminzimmer 1944

Das große Kaminzimmer im Jahre 1944
(Foto: Archiv H. Bruder)

Ess- und Besprechungszimmer 1944

Ess- und Besprechungszimmer im Jahre 1944 (Foto: Archiv H. Bruder)

Grundriss Erdgeschoss

Ess- und Besprechungszimmer 1944

Ess- und Besprechungszimmer im Jahre 1944
(Foto: Archiv H. Bruder)

Kleines Kaminzimmer 1944

Kleines Kaminzimmer im Jahre 1944 (Foto: Archiv H. Bruder)

Bibliothek 1944

Bibliothek im Jahre 1944 (Foto: Archiv H. Bruder)

Schlafzimmer 1944

Schlafzimmer des Ehepaares Tengelmann im Obergeschoss.
Aufnahme im Jahre 1944 (Foto: Archiv Heiko Bruder)

Das komplett unterkellerte Gebäude hatte Vorrats- und Kühlräume, Waschküche, Werkstatt und eine Koks-Heizungsanlage und verfügte über eine separate Grundwasser-Pumpstation. Der Verwalter des Hauses, Paul Gelfert, wohnte mit seiner Frau Lina im Obergeschoss des Westflügels und fungierte gleichzeitig als Masseur und „Mundschenk“. Als Wehrwirtschaftsführer und Mitglied zahlreicher Gremien lud Tengelmann öfters zu Besprechungen und Konferenzen nach Hullern ein. Zu seinen häufigen Gästen zählten u.a. die Industriellen Alfried Krupp von Bohlen und Halbach, Fritz Thyssen (bis Sommer 1939), der Leiter der Deutschen Arbeitsfront Robert Ley sowie politische Weggefährten und Freunde. Für die Verpflegung und Bewirtung stand jeweils zusätzliches Personal bereit. Tengelmanns Freund Hermann Göring war nachweislich wenigstens einmal, im Jahre 1939 vor Kriegsbeginn, zur Treibjagd in den Borkenbergen geladen.

Hermann Göring und Wilhelm Tengelmann

Hermann Göring und Wilhelm Tengelmann
(Foto-Archiv: Heiko Bruder)

Es ist bekannt, dass Tengelmann nach dem „Endsieg“ vom Jagdhaus aus einen ca. 3,5 km langen befestigten Weg direkt zum Segelflugplatz Borkenberge, auf dem seit 1933 die Luftwaffe das Sagen hatte, bauen lassen wollte. Dank seiner fliegerischen Begabung hatte er nach der Wiedereinführung der allgemeinen Wehrpflicht im März 1935 bis Sommer 1939 alle militärischen Pilotenscheine erworben und war zum Leutnant der Reserve ernannt worden.

Nordostansicht 1954

Nordostansicht des Jagdhauses / Heuershofes um 1954 (Foto: Archiv H. Bruder)

Küchentrakt aus nördlicher Sicht

Der Küchentrakt (aus nördlicher Sicht)

 


Quellen

  1. WAZ Haltern vom 19.09.1997; Vortrag im Rahmen der Festwoche „100 Jahre Pfarrkirche St. Andreas Hullern“. Im Zeitungstext falsche Schreibweise Karin-Hall.
  2. Knopf, Volker/Martens, Stefan: Görings Reich. Selbstinszenierungen in Carinhall, 2. Auflage, Berlin 1999, S. 51-68.
  3. Knopf/Martens, ebenda, S. 67.
  4. Der Verfasser ist Herrn Volker Knopf für seine entscheidende Quellenangabe (vom 09.06.2006) zu großem Dank verpflichtet; Zentralblatt der Bauverwaltung/Nachrichten der Reichs- und Staatsbehörden, hrsg. im Preußischen Finanzministerium, Berlin, Verlag Ernst & Korn, 57. Jahrgang, 1937, S. 1093-1111.
  5. Knopf/Martens, ebenda, S. 117: Das Jagdhaus geriet in der Nacht zum 24.10.1940 in Brand und musste abgerissen werden.
  6. Zentralblatt der Bauverwaltung, ebenda, S. 1094.
  7. Diesbezügliche Nachforschungen in beiden Familien verliefen wegen des zu langen Zeitabstandes negativ; u.a. liegt eine schriftliche Mitteilung des Sohnes von Hermann Hetzelt (09.08.2006) vor.
  8. Dieser Treppenaufgang war nach dem Kriege durch normale Türen betretbar und durfte nur von dem jeweiligen Personal benutzt werden.
  9. Stadtarchiv Haltern am See, Meldekarte bzw. Hausregister Hullern: Paul Gelfert arbeitete vorher als Bademeister in Bad Wörishofen und war mit seiner Frau Lina ab 06.04.1939 unter Hullern 102 (Gut Borkenberge) gemeldet. Er wurde noch vor Kriegsende Soldat. Die Ehefrau war anschließend unter Hullern, Nr. 30 registriert. Ab 26.01.1946 wohnte das Ehepaar separat in Haus-Nr. 87a östlich des Gutshofes.
  10. Wehrwirtschaftsführer waren vor allem Betriebsführer und Unternehmer, die Betriebe der Rüstungsindustrie oder andere kriegswichtige Unternehmen leiteten. - Wehrwirtschaft bedeutet Kriegswirtschaft. - Während des Zweiten Weltkrieges waren diese Personen vom Wehrdienst freigestellt. Zur Wahrnehmung aller Termine konnte Tengelmann die beiden Chauffeure Heinrich Drees und Rether einsetzen. Rether wurde im Laufe des Krieges noch Soldat.
  11. Mündliche Mitteilung von B. Schrey am 25.05.2006, er nahm damals als Treiber an der Jagd teil.