Das von der Hibernia AG (Herne) erbaute „Gut Borkenberge“ mit Jagdhaus (Heuershof) und Gutshof

Kriegsende/Nachkriegszeit

Die Nutzung des Jagdhauses/des Heuershofes bis zum Abbruch im Jahre 1968

Anfang April 1945 quartierte sich ein amerikanischer Kommandostab im Jagdhaus / Heuershof, auf dem Gutshof und im nahen Forsthaus ein, der von hier aus die Einnahme des „Ruhrkessels“, in dem sich 325000 deutsche Soldaten der Heeresgruppe B befanden, koordinierte. Anschließend wurden die Gebäude britischen Einheiten überlassen. Nachdem der Heuershof von 1946 bis 1950 der Landkreisverwaltung Recklinghausen als Müttererholungsheim gedient hatte , übernahm die Bergwerksgesellschaft Hibernia AG ihn wieder in Eigenregie als Erholungsheim für die Belegschaftsmitglieder ihrer Schachtanlagen und Industriewerke.

Postkarte: Erholungsheim Heuershof

Postkarte: Erholungsheim Heuershof

Neue Kurgäste

Neue „Kurgäste“ sind eingetroffen

Mittlerweile war für Busse und Lieferfahrzeuge der westliche Anfahrtsweg über Hagemanns Brücke ausgebaut worden. Die Tage des Heuershofes als Erholungsheim waren gezählt, als das Wasserwerk für das nördliche westfälische Kohlenrevier in Gelsenkirchen (heute: Gelsenwasser AG) ihren Plan in Angriff nahm, die Stever bei Hullern zu einem neuen Stausee auszubaggern. Die für den zukünftigen Stausee und den Schutzstreifen benötigten Grundstücke musste das Wasserwerk notfalls mit Hilfe des ihm hierfür zur Verfügung stehenden Enteignungsrechtes erwerben.

Zur Abwendung des drohenden Enteignungsverfahrens verkaufte die Hibernia AG in Herne laut Vertrag vom 14.06.1960 dem Wasserwerk alle ihre im Grundbuch Hullern eingetragenen Grundstücke (44,4128 ha) mit aufstehenden Gebäuden, dem aufstehenden Holz und den mit den Grundstücken verbundenen Rechten. Die wirtschaftliche Übergabe der Grundstücke galt als am 1. April 1960 erfolgt. Vor dem endgültigen Abriss des reetgedeckten Gebäudes im Jahre 1968 wurden noch wertvolle und kostbare Möbel, u.a. aus bester Eiche, sowie Kunstgegenstände versteigert. Besonderes Schmuckstück des Hauses war eine friderizianische Betbank aus der Potsdamer Garnisonskirche. Es ist in Hullern kein Geheimnis, dass in jener Zeit manche Eichenbalken, Bleiglas-Fenster und andere diverse Gegenstände den Besitzer gewechselt haben.

Der Gutshof Borkenberge:

Von der Landwirtschaft bis zum Veranstaltungsforum

Der letzte Verwalter, Leo Hennewig, seit 1945 in Diensten der Bergwerksgesellschaft Hibernia AG, pachtete nach dem Kriege den Hof. Der im Jahre 1960 mit dem neuen Besitzer, dem damaligen Wasserwerk für das nördliche westfälische Kohlenrevier, ausgehandelte Pachtvertrag lief im Oktober 1977 ab.

Leo und Änne Hennewig vor dem Jagdhaus 1978

Leo und Änne Hennewig im Jahre 1978

Seitdem ruht der landwirtschaftliche Betrieb. Einige Jahre vorher schon plante die Gelsenwasser AG, am Ende des Pachtvertrages den Hof abzureißen, da er in der Wasserschutzzone II der Talsperre Hullern (von 1973 bis 1985 gebaut) läge, in der eine bewohnte Bebauung gesetzlich nicht zulässig sei. Aus diesem Grunde wurde im Jahre 1979 die unmittelbar in der Nähe liegende Gaststätte „Altes Forsthaus“ abgebrochen. Nach Auszug des Pächters sind ab Herbst 1980 alle Hof-Gebäude kostenaufwendig Schritt für Schritt renoviert worden, da das Unternehmen im Laufe des Jahres doch zu dem Entschluss gekommen war den Hof zu erhalten.

Auch wenn zwischenzeitlich der Eindruck entstand, das perfekt gepflegte Anwesen wäre in einen „Dornröschenschlaf“ gefallen, wird es seit 1980 weiterhin bewohnt. Um 1992 / 1993 wurde im Westflügel ein Teil des Heuschobers zu Sozial- und Büroräumen umgebaut, in die ein Jahr später die Mitarbeiter der ökologischen Station einzogen. Mittlerweile hat das Amt für Denkmalpflege in Münster den Gutshof am 11.01.1994 in Einvernehmen mit der Gelsenwasser AG unter Schutz gestellt. Da die ökologische Station inzwischen zur Liegenschaftsabteilung in der Gelsenkirchener Hauptverwaltung verlegt worden ist, stehen alle Einrichtungen im Westflügel dem Forstbetrieb zur Verfügung. Seit Jahren schon wird der gesamte Ostflügel mit der dachhohen Scheune und den umgebauten Schweineställen als Veranstaltungsforum genutzt. Der Wohntrakt der Gutsanlage ist ab Frühjahr 2007 das Domizil des neuen Försters. Rund 40 Jahre lang, ab 1. August 1967 diente vorher der ehemalige Kotten der Familie Korte (Hullern, Haus-Nr. 68 / An der Stever 68) als Forsthaus der Gelsenwasser AG.

Schlussbetrachtung

Der vorliegende Beitrag über das 1938 / 1939 von der Herner Bergwerksgesellschaft Hibernia AG gebaute „Gut Borkenberge“ schließt nicht nur eine Lücke in der Hullerner Heimatgeschichte, sondern ist auch als Ergänzung der seit kurzem in Buchform vorliegenden Dokumentation der NS-Zeit in der Stadt Haltern gedacht. Auch auf regionaler Ebene, z. B. im Bereich des Ruhrbergbaus, dürften Wilhelm Tengelmanns Aktivitäten beim Bau des „Gutes Borkenberge„ nachträglich auf Interesse stoßen, zumal die damalige Hibernia-Werkszeitung trotz ihres breit gefächerten Repertoires die Existenz des Gutshofes und der „Villa Tengelmann“ (Jagdhaus) offensichtlich verschwiegen hat.

Aufgrund des äußerst geringen Archivmaterials und der kleinen Anzahl noch lebender Zeitzeugen ließen sich einige relevante Fragenkomplexe zum Bau-Objekt und zum internen Personenkreis (bis 1945) nur ansatzweise oder überhaupt nicht mehr beantworten. Mit der Darlegung dieser Geschichte ist die Hoffnung verknüpft, dass den bis heute kursierenden Gerüchten und Ungereimtheiten, die jedes weiteren Kommentars entbehren, der Nährboden entzogen wird. Der Verfasser bedankt sich herzlich bei denjenigen Damen und Herren, die mit ihren Auskünften, Hinweisen und überlassenen Fotos wertvolle Mithilfe bei der Aufarbeitung dieses zeitgeschichtlichen Themas geleistet haben.

Nachtrag:

In seinem Buch „In Hitlers Hand. Sonder- und Ehrenhäftlinge der SS“ (Böhlau Verlag, Köln Weimar Wien 2010, S. 48 bzw. S. 245) verwies der Zeithistoriker und Journalist Volker Koop auf Heinrich Himmlers Befehl 1942 an SS- Obergruppenführer Oswald Pohl, Objekte bereitzustellen, „die geeignet sind, hohe Staats- und Kriegsgefangene aufzunehmen (...) Das Gästehaus Heuer bei Hullern in Westfalen bitte ich ebenfalls in den Zustand zu versetzen, dass es bei Bedarf sofort bezogen werden kann“. (ITS, Dok. 1.1.0.3 / 00126, FS von Himmler an Pohl, Feld-Kommandostelle, 14.12.1942, Original im BArch).

Heiko Bruders Recherchen ergaben, dass der „Heuershof“, Wilhelm Tengelmanns Jagdhaus, nicht als Luxusgefängnis hergerichtet und berücksichtigt worden ist.

 


Quellen

  1. Am 17. April 1945 hatten die restlichen deutschen Verbände im Ruhrgebiet kapituliert.
  2. Halterner Zeitung vom 08.05.1951: Artikel „Im Heuershof war es wunderschön“. Fürsorgerinnen des Landkreises berichteten aus der Praxis. Hausmeister von 1947 bis 1960 war Hans Schenk. Laut Mitteilung des Kreisarchivars J. Schäfer vom 18.07.2006 liegt kein Aktenmaterial vor. Der bis zur Währungsreform andauernde katastrophale Papiermangel erklärt die spärlichen Aktenbestände.
  3. Halterner Zeitung vom 14.07.1957: Rund 650 Erholungsbedürftigen öffnet der „Heuershof“ jährlich die Pforten. Rundschau Wanne-Eickel (undatiert): Artikel „Nächste Urlaubskandidaten warten bereits!“ Ein Gesundbrunnen der Hibernia. Weiterer Artikel (undatiert): Ein „Kurhotel“ in den Borkenbergen.
  4. Die Hauptverwaltung der Gelsenwasser AG hat freundlicherweise dem Verfasser am 14.06.2006 eine Fotokopie des Grundstückskaufvertrages zur Verfügung gestellt.
  5. Siehe hierzu auch den WAZ-Artikel Haltern vom 23.07.1988: „Unaussprechliches und Schönes auf Heuers Hof. Von Nazis 1938 erbautes Haus abgerissen“. Beim Abbruch des Obergeschosses fand man eine - vermutlich von Tengelmann vor 1945 versteckte - geladene deutsche Maschinenpistole.
  6. „Altes Forsthaus“: letzte Eigentümerin Anneliese Bosman. Vorheriger Inhaber: Franz Baumeister. Um 1976 Grundkarten-Eintrag: Wirtshaus Hubertus. Zeitweilig Gaststätte mit Amüsierbetrieb. Das in den Jahren 1936 / 1938 erbaute „Forsthaus Borkenberge“ wurde um 1979 abgebrochen.
  7. Halterner Zeitung vom 03.05.1980.
  8. Bis zu seiner Pensionierung am 01.04.1994 wohnte in diesem Forsthaus fast 27 Jahre Oberförster und Wildmeister Peter Meuter.
  9. Spernol, Boris (Hg.): Haltern und der Nationalsozialismus, Ereignisse und Erinnerungen. Klartext Verlag, Essen 2006.
  10. Bergbau-Archiv Bochum, 32 / 1165 (1939) ff.