Das von der Hibernia AG (Herne) erbaute „Gut Borkenberge“ mit Jagdhaus (Heuershof) und Gutshof

Generaldirektor Wilhelm Tengelmann (Hibernia AG, Herne) und das 1938 / 1939 in Haltern am See- Hullern erbaute „Gut Borkenberge“

Einleitung

Im Raum Haltern am See, in der Übergangszone des industriellen Ballungsraumes zum ländlich orientierten Münsterland, sind in unserer heutigen Zeit so gut wie keine spektakulären baulichen Spuren aus der NS-Zeit vorhanden. Da auch zum Kriegsende in Stadt und Umgebung keine Verteidigungsfront mehr entstanden ist, dürften eigentlich nur noch wenige Bunkeranlagen, wie z.B. unter der Helenenhöhe, die für ein paar Monate bis zum 27. März 1945 Sitz der NSDAP-Gaubefehlsstelle unter Gauleiter Dr. Meyer gewesen sind, und ein 1943 / 1944 in Hullern ebenfalls von der Organisation „Todt“ errichteter Luftschutz-Hochbunker die letzten monumentalen Relikte aus jener Epoche sein. Kurz vor Baubeginn des Hullerner Bunkers war das seit 1921 von der Stadt Herne am Dorfrand betriebene Kinder- und Erholungsheim durch die SA beschlagnahmt worden. Zu dem Personenkreis, der in den letzten Kriegsjahren z.T. in geheimer Mission in dem Gebäudekomplex zum Einsatz kam, zählten SA-Mitglieder des Stabes und der Standarte Dortmund, Angehörige des SS-Regiments „Feldherrnhalle“ sowie Beamte der Regierung Münster, allesamt Funktionsträger in leitender Position. Um die mehr oder weniger geduldeten „Gäste“ vor den auch hier auf dem Lande zunehmenden Bomben- und Tieffliegerangriffen zu schützen, ist der eigentliche Grund für den Bau des auffälligen Betonbauwerks, das der einzige noch existierende Luftschutzbunker in einem Halterner Ortsteil ist. Zugang hatte damals aber auch die Hullerner Bevölkerung, jedoch nur zum oberen, wohl gefährdeteren Trakt.

Dennoch - das Ergebnis der Spurensuche wäre schlechtweg falsch, würde nicht auf ein NS-Bauobjekt von 1938 / 1939 eingegangen, das - es sei vorweggenommen - selbst in der Halterner Bevölkerung einen äußerst geringen Bekanntheitsgrad aufweist, zumal es sehr abseits und einsam gelegen ist. Literarisch erstmals im Jahre 1994 kurz erfasst, sorgte es in der hiesigen Lokalpresse seit 1978 immer wieder für Ungereimtheiten, Gerüchte und blieb geheimnisumwittert und unerforscht. Schon Anfang Januar 1981 hatte das Westfälische Amt für Denkmalpflege in Münster angeregt, die Anlage vorläufig unter Schutz zu stellen, um dem immer wieder angekündigten Abriss seitens des Besitzers, der Gelsenwasser AG, zuvorzukommen. Nach der Mitte der 80er Jahre erfolgten vorläufigen Unterschutzstellung stufte obiges Amt 1993 das Objekt in einem Kurzgutachten „als bedeutend für die Geschichte der Menschen in Deutschland in den 1930er Jahren und für die Entwicklung der landwirtschaftlichen Arbeits- und Produktionsverhältnisse“ ein; es handele sich um „ein Geschichtszeugnis hohen Ranges, weil es in Bau- und Kulturideologie, Gesamtanlage und Gestaltung die Zeit seiner Erbauung eindrucksvoll dokumentiert“. Im Juni 1934 war die Umwidmung des Herner Kinderheimes in Hullern zu einer Einrichtung nationalsozialistischer Wohlfahrts- und Volksgesundheitspflege für erholungsbedürftige Mütter der Städte Herne und Wanne-Eickel abgeschlossen. Hatte sich die ruhige, idyllische Lage des Dörfchens Hullern zwischen Lippe und Stever mit seiner erholsamen Landluft mittlerweile auch in den führenden Herner NS-Kreisen herumgesprochen? Es ist schon erstaunlich, dass eine weitere Herner Institution, ein Wirtschaftsunternehmen, nämlich die Bergwerksgesellschaft Hibernia AG, 1938 / 1939 einen Gutshof, deklariert als NS-Musterhof des Reichsnährstandes, mit zugehörigem Jagdhaus in der Hullerner Bauerschaft Stevern erbauen ließ.

Lagebeschreibung

Hullern, bis zur Kommunalreform vom 1. Januar 1975 politisch selbständige Landgemeinde im Amt Haltern, liegt rund 7 km östlich der Stadt Haltern am See. Zum damaligen Kirchspiel gehörten das Dorf und die nördlich angrenzende Bauerschaft Stevern mit insgesamt 10 Höfen, die zum großen Teil dem neuen Stausee (Stevertalsperre; Bauzeit: 1973-1985) weichen mussten. Die Einwohnerzahl lag um 1938 knapp unter 500. Auf dem topographischen Kartenausschnitt von 1954 eindrucksvoll nachvollziehbar, sind Musterhof und Jagdhaus (Heuer) nördlich der Stever am Rande der Borkenberge, wenige Meter von der Kreisgrenze Recklinghausen zu Coesfeld entfernt, in abgeschiedener Lage zu lokalisieren. Vor Baubeginn musste der Zufahrtsweg extra von der Dorfumgehungsstraße (heute B 58) am Hofe Streyl vorbei befestigt und die Steverbrücke erneuert werden. In unmittelbarer Nachbarschaft zum Mustergut, schon auf Seppenrader Gebiet, lag das Forsthaus Borkenberge.

Lage

Lage des „Gutes Borkenberge“ in Hullern

Lage auf der Original-Karte der Hibernia AG

Verkleinerter Auszug aus der Original-Karte „Gut Borkenberge“ (Hibernia AG, 1 : 2500, Jahr 1941) mit „Forsthaus Borkenberge“, Jagdhaus und Gutshof

Zielsetzung

Die Fallstudie wirft von ihrer Thematik her eine Fülle von historischen und analytischen Fragenkomplexen auf, die - gebündelt - den ideologischen Stellenwert des Mustergutes in der NS-Agrarpolitik vor Ort darlegen sollen. Neben der obligatorischen Erforschung und Aufarbeitung der historischen Daten und Fakten - auch unter Anwendung der Oral History-Methode - bezüglich der Gesamtanlage steht gesondert die baustrukturelle und substanzielle Dokumentation des Jagdhauses an, das (leider) 1968 abgerissen wurde und über das nur noch private und archivierte Fotos existieren. Die Untersuchung wird ferner die beabsichtigte veränderte Lebensweise der Bewohner des Hofes, die Umsetzung der Ziele der sog. Heimatschutzbewegung sowie die Weiterentwicklung der landwirtschaftlichen Arbeits- und Produktionsabläufe hinterfragen, zumal der Gutshof in den letzten Kriegsjahren als „Versuchsgut des Reichsnährstandes für Kalkdüngung“ eingestuft worden ist. Den Schlussteil soll ein kurzer historischer Abriss über die Nachkriegszeit bis heute bilden. Primärer Ansatzpunkt der gesamten Untersuchung kann und wird dabei die Frage sein, inwiefern sich ein damals so renommiertes Industrieunternehmen wie die Herner Bergwerksgesellschaft Hibernia AG ab 1938 / 1939 auf einem ganz andersartigen Wirtschaftssektor, nämlich der Landwirtschaft, etablierte und welcher Personenkreis hierbei die Fäden gezogen hat.

Die agrar- und ernährungspolitische Situation 1934-1936

Auf dem zweiten Reichsbauerntag vom 11. bis 18. Oktober 1934 in Goslar wurde erstmals die „Erzeugungsschlacht“ ausgerufen - eine Kampagne, mit der jedem Bauern klar gemacht werden sollte, dass er aus Verantwortung für die „Volksgemeinschaft“ zur Produktionssteigerung beitragen müsse. Die Botschaft von der „Erzeugungsschlacht“ wurde unter Leitung des Reichsnährstandes, der „Selbstverwaltungsorganisation der deutschen Ernährungswirtschaft“, in einem regelrechten Propagandafeldzug in jedem Dorf verbreitet. Schon bald zeigte sich, dass die Landwirtschaft einschließlich der Forstwirtschaft und des Gartenbaus die Erzeugungssteigerung nicht im geforderten Umfang leisten konnte. Um dies zu ändern, wurde sie 1936 in den „Vierjahresplan“ einbezogen. Dieser Plan sah weitreichende Eingriffe des Staates in die Wirtschaft vor, mit dem Ziel, sie auf die bevorstehende Kriegsführung einzustellen. Die staatlichen Forderungen an die Steigerung der landwirtschaftlichen Produktion wurden immer drängender und umfassender, die Zwangsinstrumente zur Durchsetzung dieses Ziels immer repressiver. Vorausgegangen waren Maßnahmen des Staates zur Sicherung und gegen die Zersplitterung des landwirtschaftlichen Besitzstandes. Am 29.09.1933 verabschiedete das Reichskabinett das „Reichserbhofgesetz“ u.a. mit der Begründung, „... unter Sicherung alter deutscher Erbsitte das Bauerntum als Blutsquelle des deutschen Volkes ...“ zu erhalten. Das Gesetz bestimmte, dass die bäuerlichen Erbhöfe grundsätzlich unveräußerlich und unbelastbar, unteilbar auf den Anerben übergehen und gegen Zwangsvollstreckung geschützt sind.

 


Quellen

  1. Der Inhalt dieses Kapitels wurde vom Verfasser (bis auf gewisse Abweichungen vom Manuskript und Bildmaterial) unter: Bergwerksdirektor Wilhelm Tengelmann (Hibernia AG) und das 1938 / 1939 in Haltern am See - Hullern erbaute „Gut Borkenberge“ in: Vestischer Kalender 2008 (79. Jahrgang), Herausgeber: Schützdruck, Recklinghausen, S. 106-114 (Teil I) und Vestischer Kalender 2009 (80. Jahrgang), ebenda, S. 65-73 (Teil II) veröffentlicht.
  2. Schulte-Althoff, Franz-Josef (Hg.): Haltern. Beiträge zur Stadtgeschichte, Dülmen 1988, S. 555 ff
  3. Halterner Zeitung vom 27.04.1996 bzw. 27.6.1998.
  4. Bruder, Heiko: Hullern - ein Dorf zwischen Lippe und Stever, Lüdinghausen 1994, u.a. S. 156, S. 396.
  5. Schreiben vom 08.01.1981, 14.05.1993 an die Stadt Haltern.
  6. Herner Zeitung vom 09.06.1934.
  7. Nach Mitteilung des Landesvermessungsamtes NRW vom 18.05.2006 ist der Musterhof erstmals in der HKTK (4209 Haltern), Ausgabe 1954 eingetragen. Die Druckgenehmigung des Kartenausschnitts liegt vor.
  8. Bergbau-Archiv Bochum, 32/4678. In einem Schreiben der Hibernia-Hauptverwaltung vom März 1955 wird darauf hingewiesen, dass das Archivgut in den letzten Kriegstagen zum größten Teil abhanden gekommen ist (Bergbau-Archiv Bochum, Übersicht Bestand 32).
  9. Meyers Lexikon, Bd. 9, 1942, Sp. 225.
  10. Albers, Helene: Die stille Revolution auf dem Lande. Landwirtschaft und Landwirtschaftskammer in Westfalen-Lippe 1899-1999, S. 35/36; vgl. Lovin, Clifford R.: Die Erzeugungsschlacht 1934-1936, in: Zeitschrift für Agrargeschichte und Agrarsoziologie 22 (1974), S. 209-220.
  11. Meyers Lexikon, Bd. 3, 1937, Sp. 938 und RGBl 1933, I, S. 685.