Namensdeutung

Der Name Overrath. [Ehemalige Großbauerschaft im Kirchspiel Haltern mit den Unterbauerschaften Antrup, Westrup, Stevermüer, Overrath]

Einleitung

In den letzten Jahren sind mehrere, z.T. umfangreiche Aufsätze über die Geschichte der ehemaligen Bauerschaft Overrath und die Entstehung der Halterner Talsperre, u.a. auch im Rahmen der Umbenennung der Stadt in „Haltern am See“, publiziert worden.

Die Ursiedlungsgeschichte der Bauerschaft Overrath ist jeweils Philipp Schaefers „Geschichte der Stadt Haltern“ aus dem Jahre 1939 entnommen:
In dem Kapitel „Zu welchem Gau gehörte Haltern?“ umriss der Dülmener Archivar August Hölscher nicht nur das historische Raumbild der Halterner Gegend, sondern aus seiner Feder stammt auch die bisher einzige etymologische Abhandlung über Overrath. - Aber:
Diese Deutung entspricht nicht mehr den heutigen wissenschaftlichen Erkenntnissen.

Zielsetzung

In den anlässlich des 700-jährigen Stadtjubiläums erschienenen „Beiträgen zur Stadtgeschichte“ (1988) blieb die Etymologie der Ortsnamen im Halterner Stadtgebiet - gerade aufgrund der geringen ortsgeschichtlichen Quellenlage bzw. fehlender spezifischer Untersuchungen - weitgehend ausgeklammert.
Der folgende Beitrag zielt auf dieses Desideratum ab, setzt sich kritisch mit Hölschers Deutung auseinander und will u.a. mit Hilfe eines profunden Quellenstudiums seine vorschnell und einseitig gezogenen sprachwissenschaftlichen Schlussfolgerungen widerlegen.
Es geht aber nicht darum, diese Version gänzlich zu verwerfen, zumal sie einige grundlegende historische und räumliche Fakten beinhaltet.

Aufgabe der Untersuchung ist es also, bei der Deutung eindeutige Fehler und Defizite auszuräumen, den Entwicklungsprozess des Namens Overrath ab 1443 aufzuzeigen und auch die Namensgleichheit der Groß- und Unterbauerschaft zu dokumentieren. Ferner wird als interessanter Vergleich die Namensentstehung der in der Nähe von Köln liegenden Stadt Overath (an der Agger) vorgestellt.
Um den Forschungsstand besser abwägen und vergleichen zu können, wird die bisherige Deutung aus dem Jahre 1939 der Untersuchung vorangestellt.

Erste Deutung im Jahre 1939

„Östlich sind der Siedlung Haltern an der Stever, jetzt Stausee, vorgelagert die Siedlungstrupps Overrath am nördlichen, rechten Ufer und Niemen am linken, südlichen Ufer. Die Bauerschaft Overrath ist um 1650 als „Aver-ordt“ überliefert. Das zweite Glied „ordt“ bedeutet Winkel-, Ecke-, Spitze-Siedlung. Gemeint ist der Winkel an der Stever. Das erste Glied „Aver-“ ist eine böse Verhochdeutschung aus mittelniederdeutsch Over (= Ufer). Der Name Overrath scheint neueren Ursprungs zu sein, da der fragliche Siedlungstrupp urkundlich im frühen Mittelalter als Hilgendorp belegt ist. Es gibt hier einen Hilgendörper Esch und eine Hilgendörper Mark. Hilgendorp scheint vielleicht aus Hildingthorp entstellt oder erwachsen zu sein, wie es auch eine solche Siedlung Hildingtorp im Kirchspiel Nordkirchen (heute der Siedlungstrupp um den Hof Hilkerup) gibt. Es handelt sich um einen Namen, der von dem Hauptsiedler Hildi oder Hildiward gebildet ist. Nachdem der Name Averordt, Overrath gebräuchlich wurde, blieb Hildingdorp, Hilgendorf nicht mehr als Bauerschafts-, sondern nur noch als Markenname bestehen.“

Philipp Schaefer selber griff 1954 für seinen Sonderdruck „Bauerschaften und Höfe im Raume Haltern“ (Deutsches Städtebuch III/2 Westfalen) nochmals Hölschers Deutung ungekürzt auf und konstatierte mit Recht, über die Bauerschaft Overrath herrsche, heimatgeschichtlich gesehen, ziemliches Dunkel. Man wisse nämlich nicht, welcher Großbauerschaft man sie zuteilen solle.
„Die Höfe dort waren, das steht fest und geht auch aus den kirchlichen Lagerbüchern hervor, der Halterner Pfarrkirche bis in die Neuzeit hinein sämtlich abgabe- und dienstpflichtig. Es könnte sein, dass sie ursprünglich eine Teilsiedlung der Bauerschaft Haltern waren.“
Soweit zu Overrath die bisherige ortsgeschichtliche Quellenlage.

Quellenkorrektur

Der von Schmitz-Kallenberg im Jahre 1904 - leider fehlerhaft - publizierte Name „Averordt“, auf den Archivar Hölscher zurückgriff, findet sich in einer Pergamenturkunde im Hullerner Pfarrarchiv, datiert nicht auf 1650, sondern den 24.2.1655.
Die betreffende Obligation war für einige namentlich aufgeführte „Eingeseßene der Baurschaft Averort im Kirspel Halteren“ [Schreibweise Averortt in Zeile 14 und 20] vom damaligen Stadtsekretär und Notar Johann Schierle ausgefertigt und unterzeichnet worden.

Rätselhaft erscheint im Nachhinein die vielleicht jahrhundertelange Aufbewahrung dieser Urkunde im Hullerner Pfarrarchiv und nicht im Halterner Stadt- bzw. Pfarrarchiv von St. Sixtus.
Anzumerken ist auch, dass in den neusten Veröffentlichungen über die Bauerschaft Overrath und die Halterner Talsperre Hölscher bzw. Schaefer falsch zitiert werden.


Die folgende Untersuchung basiert auf Quellen aus dem Stadtarchiv Haltern und Dülmen, dem Staats- und Bistumsarchiv Münster sowie dem Gräflich Westerholter Archiv.

1. Quellenanalyse:

1.1 Frühere Bezeichnungen des Siedlungstrupps / der (Unter)bauerschaft Overrath

Die Quellensammlung belegt, dass die (Unter)bauerschaft Overrath im Zeitraum 1336 - ca. 1560 Hillendorpe, Hilgenthorpe (17.03.1405), Hilligendorp (1498), ten hilligen dorpe / toe hylligen dorpe, um 1591/1595 volksmündlich auch Noverhusen und dann bis etwa 1613 Overhauß bzw. Overhauße(n) genannt wurde.

Demnach ist Hillendorpe [um 1336: „ton Overhus Hillendorpe servilis in par.(= parochia) Halteren“] die älteste nachweisbare Bezeichnung, da Archivar Hölschers urkundlicher Beleg „Hilgendorp“ aus dem „frühen Mittelalter“(?) nicht verifizierbar ist. Die älteste Urkunde im Stadtarchiv Haltern stammt bekanntlich aus dem Jahre 1380. Von einer „Hilgendorper Mark“ ist erst im Jahre 1556 (Stadturkunde Nr. 65) die Rede.

Aus der Sicht der Familienforschung dürfte damit interessant sein, dass das in der Bauerschaft ten hilligen dorpe gelegene Gut „dat Overhuys“ (Overhus, Overhues, Overhauss, Overhauß, Overhaus), das am 10.11.1502 von der Stadt Haltern gekauft worden ist, ursprünglich im Besitz des Domkapitels in Münster war und schon um 1336 erstmals erwähnt wird.

Ob (nach Hölscher) Hilgendorp vielleicht aus Hildingthorp entstellt ist, soll an dieser Stelle nicht weiter thematisiert werden.

1.2 Das erste Glied „Aver-“

Hölschers Behauptung, das erste Glied „Aver-“ sei eine böse Verhochdeutschung aus mittelniederdeutsch Over (= Ufer), entbehrt jeglicher sprachwissenschaftlichen Grundlage.

Over und aver sind im (Mittel)niederdeutschen identisch. Als schon frühe Belege hierfür lassen sich z.B. um 1267 Averbeck = Overbeke (Kreis Ennigerloh), im Zeitraum 1268 - 1292 Averhagen = Overhagen (bei Lippstadt) sowie das Erbe „ton groten Averroth“ (1303) / 1304 „Overroth“ (Overot) (Kirchspiel Rhede, Kreis Borken) anführen.

Zwar verweisen die gängigen etymologischen Wörterbücher der deutschen Sprache unter „Ufer“ auf die Herkunft mittelhochdeutsch ouver, mittelniederdeutsch over, dennoch ist over (besonders in Flur-, Personen- und Ortsnamen im niederdeutschen Sprachraum, siehe Lage von Overrath) in der Bedeutung von über, oberhalb, darüber hinaus, jenseits geläufig [z.B. Overbeke / Overbeck / Averbeck = (der) jenseits des Baches (Wohnende)].

1.3 Das Grundwort ov (av) in Hans Bahlows „Deutschlands geographische Namenwelt“

In seinem etymologischen Lexikon der Fluss- und Ortsnamen alteuropäischer Herkunft geht Hans Bahlow näher auf das Grundwort ov ein, das vom Baltischen bis zum Keltoligurischen begegnet:

ov ist Variante zu av, dem bekannten prähistorischen Wasserterminus. Auf den Wortsinn „Wasser, Sumpf“ deuten z.B. Ove-lo (Övel am Niederrhein) und Ove-lar (Overlaar) hin; av ist nnd. Variante zu ab „Wasser“; over ist als Weiterbildung von ov gesichert. Zur Bestätigung führt Bahlow Over-sele / Brabant (wie Elver-sele, Aver-sele), Ove-rath a. Agger, „zur Over“ (Overa 1257), Flur bei Osnabrück, an; damit erledigt sich nach seiner Meinung das übliche Jonglieren mit den Begriffen „über“ und „Ufer“, die schon aus methodischen Gründen völlig unbrauchbar sind.

Heinrich Dittmaier [Die (H)lar-Namen, Köln, Graz 1963, S. 47] dagegen ordnet den Ortsnamen Ove-lar (Overlaar, Overlar) nach der alten Form zu anfrk. awi, owi „Schaf, Mutterschaf“ (Schafzucht). Die Anlehnung an over erfolgte erst später.

1.4 Deutung von Overae (1443), Ouerae (1498 / 1499), Avera (1544), Averahe (1592)

Diese nachweisbar ältesten „Vorläufer“ des Namens Overrath gehen aus sprachwissenschaftlicher Sicht bei der Endsilbe auf -a (mehr mitteldeutsch und niederdeutsch), aus althochdeutsch -aha > -ahe (mittelhochdeutsch) „fließendes Wasser, Gewässer, Strom, Bach, feuchte Niederung“ zurück. Unter -a, -ach ist die germanische Entsprechung von lat. aqua „Wasser“ entwickelt und läuft auch auf die Bedeutung „Land am oder im Wasser“ hinaus. 30

Obige Namen lassen sich - unter Einbeziehung der Ausführungen von Bahlow - somit als „Ansiedlung jenseits (oberhalb) des Wasserlaufes“ (der Stever) bzw. als „Ansiedlung am Wasserlauf“ (der Stever) deuten.

1.5 Overat (1518) / Overadt (1630) / Averort(t) (1644 / 1655) / Averard (1645) / Averrodt (1662) / Averardtt (1664/65) / Overardt (1672 / 1680) / Averort(h) (1679 / 1732 ff.) / Overath (1802 / 1805 ff.) / Overrath

Im Mittelalter sind häufig Ansiedlungen, die auf gerodetem Land entstanden, mit einer Endsilbe „-rath“ ( -roth, -rott oder -rode, -rade) benannt worden, wobei oft Kriterien wie u.a. Beschaffenheit, Entstehung, Gestalt und Lage des Ortes sowie Pflanzen, Tiere, auch Personen und deren Beschäftigung ausschlaggebend waren. Synonym zu „ -rath“ (etc.) gibt es bekanntlich Silben wie „-dorf“, „-hausen“ oder „-heim“.

Demnach lässt sich der heutige Name Overrath als „Ansiedlung jenseits (oberhalb) der Rodung“, ggf. als „Ansiedlung auf gerodetem Land am Wasserlauf“ (der Stever) deuten.
Verfolgt man nun die Schreibweise des Namens bis in das 16. Jahrhundert zurück, so fällt zunächst in der 1. Silbe durchgehend der Schwund des r-Konsonanten (z.B. Ove-radt) auf.
In der deutschen Sprachentwicklung sind häufig gleiche und ähnliche Laute aus Gründen der „Sprecherleichterung“ leicht verschoben worden oder ganz verschwunden. Hier handelt es sich um eine totale „Dissimilation“ (Entähnlichung).

Averort(t), Averard(tt), Overardt bzw. Averort(h) weisen in der Endsilbe zusätzlich einen „eingeschobenen“ r-Konsonanten auf. In diesem Falle ist von einer so genannten Metathese (Lautumstellung) des r auszugehen.
Dagegen lief Hölschers Deutung des Namens Overrath („Aver-ordt“) im Jahre 1939 - in Anlehnung an die Endsilbe „-ort“ - auf eine „Winkel-, Eck-, Spitze-Siedlung“ (am Ufer der Stever) hinaus.

Tatsächlich untermauert z.B. die Preußische Kartenaufnahme (2358 Haltern) aus dem Jahre 1842 eindrucksvoll diese geographische Lage der Bauerschaft, die an drei Seiten von der Stever umflossen wird und mit mehreren Höfen vor dem Niederen Niemen eingezeichnet ist.
Dennoch ist diese Deutung falsch, weil Hölscher die sprachliche Entwicklung des Namens, insbesondere der Endsilbe („-rath“ bzw. „-roth“), seit dem 16. Jahrhundert verkannt und generell eine notwendige, intensive Quellenforschung unterlassen hat.

1.6 Gleicher Name für Groß- und Unterbauerschaft

Als letztes Relikt der ehemaligen Bauerschaft Overrath ragen heutzutage bekanntlich noch die „Overrathschen Berge“ aus der um 1930 im Halterner Stausee untergegangenen Fläche hervor.
An alte Zeiten erinnert auch der Name der „Siedlung Overrath“, die bis etwa 1965 nahe des Heimingshofes an der Stever entstand.
Die heutige räumliche Identifikation mit Overrath hat in der Bevölkerung weitgehend die alten historischen Grenzen einer Großbauerschaft in Vergessenheit geraten lassen:

Overrath gehörte einst im Kirchspiel Haltern als Kleinbauerschaft zur gleichnamigen Großbauerschaft, die neben dieser noch die Kleinbauerschaften Antrup, Westrup und Stevermüer umfasste. Mittlerweile sind infolge mehrerer Eingliederungen, Grenzkorrekturen sowie Umpfarrungen und zuletzt im Rahmen der kommunalen Neuordnung vom 01.01.1975 neue Verwaltungsstrukturen entstanden.

Eine wertvolle Fundgrube für Familienforscher sind die beiden Preußischen Meldebücher „Bauerschaft Overrath, Gemeinde Kirchspiel Haltern“ (28 Hausnummern), die man vermutlich 1843 anlegte, als die Großbauerschaft dem Amt Haltern zugeordnet wurde. Lückenlos bis um 1630 zurück lässt sich die Funktion als Großbauerschaft u.a. in zahlreichen Schatzungsregistern belegen.
Vielleicht scheint sie die älteste namentliche Quelle aus dem Jahre 1518 zu sein: Der zum Kloster St. Mauritz in Münster gehörige „Hoff to Hulleren“ [der ehemalige Hof Streyl im Kirchspiel Hullern, Bauerschaft Stevern] wird in einem Reversalbrief fälschlicherweise „in der Burschap to Overat“ lokalisiert.

Spekulativ bleibt aufgrund der Quellenlage die These, „Ouerae“ als einzige Bezeichnung der Bauerschaft in der Willkommschatzung von 1499 (für den neuen Bischof von Münster) könne (im Gegensatz zu 1498 mit der zusätzlichen Aufzählung der anderen Bauerschaften, ohne Westrup!) schon als Großbauerschaft eine Rolle gespielt haben.

1.7 Die Großbauerschaft Overrath mit ihren Unterabteilungen

Von Interesse dürfte im Zusammenhang mit dieser Untersuchung der Entstehungsprozess der Namen der anderen Kleinbauerschaften sein, der hier aber nicht weiter thematisiert und vertieft werden soll.

a) Antrup:
Anrapun (889, Ondrup nordwestlich von Lüdinghausen oder Antrup), [In Aonrapon: Werdener Urbar A, § 4, Ondrup], Anrape(n) [1321 / 1344 / 1350 / 1407 / 1414], Anrepen (1481), Andorp, Anrepe (1498), Anrepen (1516), Anderpe (1534), Andorpe / Anderpe (1557), Anrepen (1561), Anreppe, Andorpe (1593), Andrupt / Andrupft (1644), Andrupf (1655), Andrupft (1665).

b) Westrup:
„In Westahem“ (889, Westrup oder Westheim bei Selm), „In Uuestarhem“ (Westarhem, um 1000, Werdener Urbar A, § 25), Westerhem (bei Nienhem, am Niemen, 1258), Westrem (1414), Vestum (1534), Westrem (1580), Westerem (1593), Westrum / Westerup (1611), Westrumb (ca. 1640), Westrupff (1649, 1655).

c) Stevermüer:
Stiuarna muthi (um 900, an der Stevermündung, Werdener Urbar A, § 25), Steuernemude (1498), 1499: Steuerenmure(n), Stevemudde / Stvermunde (1534), Stevermur (1644), Stevermuhr / Stevermühr (1672), Stevermuer (1674), Stevermüer (1679).

1.8 Namensvergleich: Overath an der Agger

Die ersten Siedler in Overath (Stadt östlich von Köln) ließen sich von der Agger als Wegweiser leiten. „Achera“, die ursprüngliche Ortsbezeichnung, tritt urkundlich erstmals um 1065 in Erscheinung. Damals übertrug Erzbischof Anno II. von Köln den Hofverband, aufgeteilt in Oberacher (achera superior) und Unteracher (achera inferior), an das Kloster Siegburg. Da man den Wohnplatz in der Aue-Rodung an der Agger gewählt hatte, war offensichtlich Grund für die spätere Ortsbezeichnung Ovirrode (1256), Ouerode (um 1280) über Ovverode (1304), Ouerroide (1363) und Overadt (1582) bis zum heutigen Overath.

Bemerkenswert ist, dass die Schreibweise des Namens im Jahre 1582 bzw. heute identisch ist mit der der Halterner Bauerschaft im Jahre 1630 und um 1802 / 1805 ff. und in der 1. Silbe die Unterdrückung des r-Konsonanten seit dem 16. Jahrhundert grundsätzlich beibehalten wurde.

2. Untersuchungsergebnis

Das Quellenstudium ergibt, dass die Bauerschaft Overrath, am Steverufer gegenüber dem Niemen gelegen, im Zeitraum 1336 - ca. 1560 ursprünglich Hillendorpe (Hilgenthorpe, Hilligendorp, ten hilligen dorpe, toe hylligen dorpe), um 1591/1595 volksmündlich auch Noverhusen und dann bis etwa 1613 Overhauß / Overhauße(n) genannt wurde.

Die nachweisbar ältesten „Vorläufer“ des Namens Overrath, Overae (1443), Ouerae (1498/1499), Avera (1544) und Averahe (1592), lassen sich aus sprachwissenschaftlicher Sicht als „Ansiedlung jenseits (oberhalb) des Wasserlaufes“ (der Stever) bzw. als „Ansiedlung am Wasserlauf“ (der Stever) deuten.

Nach etwa 1500 tendierte die Endsilbe des Namens variantenreich von -rat, -radt, -rort(t), -rard, -rardt über -rort(h) nach -rat(h). „Ove-rath“ / „Over-rath“ bedeutet seitdem „Ansiedlung jenseits (oberhalb) der Rodung“, ggf. „Ansiedlung auf gerodetem Land am Wasserlauf“ (der Stever).

Anhand zahlreicher Schatzungsregister belegbar gehörte die Siedlung ab 1630 als Kleinbauerschaft im Kirchspiel Haltern zur gleichnamigen Großbauerschaft, die neben dieser noch Antrup, Westrup und Stevermüer umfasste.
Mittlerweile sind ihre alten historischen Grenzen infolge mehrerer Eingliederungen, Grenzkorrekturen sowie Umpfarrungen und zuletzt im Rahmen der kommunalen Neuordnung vom 01.01.1975 verwischt worden

Als letztes Relikt der ehemaligen Kleinbauerschaft ragen heutzutage noch die „Overrathschen Berge“ aus der um 1930 im Halterner Stausee untergegangenen Fläche hervor. An alte Zeiten erinnert auch der Name der „Siedlung Overrath“, die bis etwa 1965 nahe des Heimingshofes an der Stever entstand.
Auf gewisse Parallelen bei der Namensentwicklung kann die Stadt Overath an der Agger (östlich von Köln) verweisen.

Quellen

  1. U.a. Die Bauerschaft Overrath und die Halterner Talsperre, in: Halterner Jahrbuch 1994, S. 65 ff.; Stadtchronik 2000 Jahre Haltern (2001), S. 199; Bauerschaft Overrath / „Haltern am See“, in: Halterner Jahrbuch 2003, S. 167 ff.
  2. Schaefer, S. 62/63.
  3. Schmitz-Kallenberg, Inventare der nichtstaatlichen Archive des Kreises Coesfeld, Münster 1904, S. 265.
  4. Jellinghaus „Westf. Ortsnamen“, S. 144
  5. ebenda.
  6. St. A. P X [= Stadtarchiv Haltern].
  7. Jul. Schwieters „Geschichtliche Nachrichten über den östl. Theil des Kr. Lüdinghausen“, Münster 1888, S. 408 f. (Bschft. Altendorf). - Over-ord erscheint auch volksmundlich als Overhusen („in Overhusen“ zu „Nover-husen“ d. i. in Uferhausen contrahiert). (Die Anmerkungen 3 - 7 stammen aus Schaefers „Geschichte der Stadt Haltern“).
  8. Ein Regest der Urkunde ist abgedruckt in: Heiko Bruder, Hullern - ein Dorf zwischen Lippe und Stever, Lüdinghausen 1994, S. 446; die Urkunde befindet sich im Bistumsarchiv Münster, Depositum Pfarrarchiv Hullern (J 120), Karton 1.
  9. Der Name „Overrath“ taucht erst wesentlich später auf. Er wird erstmals (?) urkundlich um 1650 als „Averrodt“ (?) erwähnt.
  10. Codex Traditionum Westfalicarum, Bd. 2 (CTW II), Das Domkapitel zu Münster (= Das älteste vorhandene Verzeichnis der Güter bzw. Einkünfte des Münsterschen Domkapitels), Münster 1886, S. 176 / fol.68 a; siehe auch: S. 199 (Overhus), S. 234 (Overhus prope Halteren).
  11. Gräflich Westerholter Archiv, Urk. Nr. 158. Hinweis: In: VZ (Sammelband 41 - 65, S. 208)fälschlicherweise „Hilghendorpe“ gedruckt.
  12. Staatsarchiv Münster, L. A. 487 (1498); siehe auch Landesarchiv 487 Nr. 4 (1534): Amt Dülmen, Vestum und Anderpe Burschape, Hermann tenn Hilgendorpe.
  13. Stadtarchiv Haltern, I a Nr. 24 (1482), Nr. 37 (1502), Nr. 57 (1543).
  14. Stadtarchiv Haltern, I a Nr. 99, 104; der Name Noverhu(i)s findet sich schon 1533 und 1558 im Halterner Bürgerbuch (Stadtarchiv Haltern, B 1).
  15. Stadtarchiv Haltern, I a Nr. 101, 110, 112, 115, 119, 121, 130; Overhuß: O 1-10 e (Weidedrift 1692 - 1778)
  16. Wie Anm. 6. Nach Auskunft von Stadtarchivar Husmann am 12.02.03 ist die Signatur nicht zuzuordnen; eine andere Fundstelle ist ausgeschlossen.
  17. Vgl. Schiller-Lübben, Mittelniederdeutsches Wörterbuch, Darmstadt 1995; siehe auch: Bremisches Urkundenbuch und Abgabenregister.
  18. Westfälisches Urkundenbuch (WUB) III, 801.
  19. WUB III, 830, 904, 1448
  20. WUB VIII, Urk. Nr. 178 (1303 Dez. 26) und Urk. Nr. 184 (1304 Jan. 6).
  21. Ebenso: Gräflich Westerholter Archiv, u.a. Urk. Nr. 149 (1401), Nr. 230, 231 (1422): Overeyl = Avereyll, Bertold, Gerichtszeuge zu Recklinghausen.
  22. U.a. Gerhard Wahrig, Deutsches Wörterbuch, München 1986/1989, S. 1317; Etym. Wörterbuch des Deutschen, Berlin 1989, S. 1868.
  23. Hans Bahlow, suhrkamp taschenbuch 1221, 1985, S. 362.
  24. Hans Bahlow, S. 20.
  25. Hans Bahlow, S.367.
  26. Stadtarchiv Haltern, I a Nr. 7.
  27. Staatsarchiv Münster, Fürstbistum Münster, L.A. 487, Bd. 1 und 2.
  28. Bistumsarchiv Münster (BAM), Pfarrarchiv St. Sixtus, Haltern, Urk. Nr. 48.
  29. Stadtarchiv Haltern, I a Nr. 101.
  30. Vgl. Kluge / Götze, Etym. Wörterbuch der deutschen Sprache, Berlin 1953, S.1, S. 37; Schiller-Lübben, Mittelniederdeutsches Wörterbuch, Darmstadt 1995.
  31. Unterlagen des ehemaligen Hofes Streyl in Hullern / J. Streyl, Ascheberg: Copia des Reversalbreffs Joest van Mechelen, St. Mauritz, Münster (Kopie im Besitz des Verfassers).
  32. Stadtarchiv Dülmen, A 106 (Schatzungsregister für Großbauerschaft Overadt).
  33. Staatsarchiv Münster, Mscr. VI 38; BAM, Pfarrarchiv Hullern, Pergamenturkunde von 1655, Karton 1.
  34. Stadtarchiv Haltern, M I 153, 155
  35. Vestische Zeitschrift 56, S. 24 ff.: Pastor Boecker, Bevölkerungsstand in der Pfarrei St. Sixtus, Haltern.
  36. Staatsarchiv Münster, Fürstbistum Münster, L.A. 214/16 (Baurschaft averardtt).
  37. Staatsarchiv Münster, Landesarchiv 214/19, 214/21, 214/22, 214/28.
  38. Staatsarchiv Münster, Landesarchiv 214/23; BAM, Pfarrarchiv St. Sixtus, Haltern, A 190.1.
  39. Stadtarchiv Haltern, II c 20; Beiträge zur Westf. Familienforschung, Bd. 52, Münster 1994, S. 133; u.a.
  40. Schreibweise „Overrath“ ab ca. 1843/1850 bis heute.
  41. Stadtarchiv Haltern, ohne Signatur.
  42. Vergl. Anm. 31.
  43. Falsche Schreibweise in Schaefers „Bauerschaften und Höfe im Raume Haltern“ (Deutsches Städtebuch III/2 Westfalen) und „Geschichte der Stadt Haltern“, S. 59.
  44. Ruhr Nachrichten Haltern, Nr. 139 vom 18.06.1999 (Artikel: „-rath“ im Ortsnamen ....
  45. Siehe unter: www.overath.de

Manuskript teilweise veröffentlicht in: Halterner Jahrbuch 2004, S. 59 - 71